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Geschichte wird gemacht

Tagung über „Proteste gegen Kernkraftwerke in der DDR“ mit kontroversen Debatten

Aus DER RABE RALF Februar/März 2020, Seite 6

Prote1 Bundesarchiv Bild 183 E0506 0004 001 Rheinsberg Kernkraftwerk Institutsgebäudest und Widerstand gegen Kernkraftwerke gab es auch in der DDR. Ein Schlaglicht auf dieses wenig bekannte Phänomen sollte am 16. November 2019 die Grüne-Liga-Tagung „Proteste gegen Kernkraftwerke in der DDR“ werfen. Doch Geschichte wird nicht einfach nur erzählt, über sie wird auch gestritten. Und so wurde im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte kontrovers diskutiert.

VEB Kernkraftwerk Rheinsberg im Jahr der Inbetriebnahme 1966. (Foto: Ulrich Kohls/​ADN-Zentralbild/Bundesarchiv/​Bild 183-E0506-0004-001/​Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

„Jawoll, Reaktorleistung erhöhen“, sagt der Techniker, legt einen Schalter um und das erste Kernkraftwerk der DDR geht ans Netz. „Atomkraft aus Rheinsberg“ heißt der Dokumentarfilm von 1966, der die Faszination der Kernkraft in der DDR vermittelte: Männer nehmen einen Reaktor in Betrieb – sie wollen die Atomspaltung zähmen. Dass der Reaktor vom sowjetischen Typ WWER-210 aber mit zahlreichen Problemen behaftet war, davon konnte auf der Tagung Sebastian Pflugbeil berichten, Physiker und 1990 für kurze Zeit zuständiger Minister in der Modrow-Regierung. Wegen solcher Sicherheitsbedenken wurde der Reaktor am 1. Juni 1990 stillgelegt.

Staatssicherheit, Sitzblockade, „Grenzbesetzung“

Kritische Anlagen wie die Kernkraftwerke in der DDR mussten – nach innen und außen – abgesichert werden, und so war auch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in Bau und Betrieb der Anlagen involviert. Dazu sprach Sebastian Stude, der zu diesem Thema gerade seine Doktorarbeit schreibt, die demnächst veröffentlicht wird. Trotz Überwachung kam es zu Protestaktionen. So gelang dem Friedenskreis Stendal am 1. Mai 1987 eine Sitzblockade mit zwölf Menschen vor der Baustelle des Kernkraftwerks Stendal, welches das größte Kernkraftwerk Deutschlands werden sollte.

Solche Protestaktionen wurden auch direkt und indirekt durch den Anti-Atom-Widerstand in Gorleben auf der Westseite unterstützt, beispielsweise mit dem Transport von Flugblättern über die Grenze. Wie viel Angst er beim Transport des Materials hatte, konnte Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg lebendig schildern. Im März 1990 unterstützte die BI eine große Demonstration gegen das im Bau befindliche Kernkraftwerk vor der größten Baustelle der DDR. Ehmke berichtete von sichtlich überforderten Volkspolizisten.

Eine andere grenzüberschreitende Aktion aus dem Umfeld der BI Lüchow-Dannenberg beschrieb Astrid Kirchhof. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neueste und Zeitgeschichte der Berliner Humboldt-Universität zeigte Ausschnitte von Nachrichten des NDR über eine „Grenzbesetzung“ aus Protest gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in Dragahn bei Gorleben im Wendland. Aktivistinnen und Aktivisten hatten im Juli 1983 im Niemandsland der DDR-Grenze sieben Zelte aufgeschlagen und trugen ihre Forderungen vor. Da sich das Protestcamp auf DDR-Gebiet befand, konnte der Bundesgrenzschutz des Westens nicht eingreifen, und die DDR-Grenztruppen blieben untätig. Für die Historikerin Kirchhof war dies ein Indiz, dass die DDR-Grenze – wie Grenzen allgemein – auch porös, also durchlässig gewesen sei für bestimmte Themen und Handlungen.

DDR-Uranbergbau als künstlerisches Thema

Kirchhof arbeitet derzeit an einem Projekt zu Zeitzeugenberichten von Arbeiterinnen und Arbeitern beim Unternehmen Wismut. Durch Interviews sollen die Erfahrungen dokumentiert werden und so der Nachwelt erhalten bleiben. Die Wismut AG, später Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut, betrieb in Sachsen und Thüringen zahlreiche Minen, die unter anderem das Uran für die sowjetische Atombombe lieferten. Das Unternehmen war zwischen 1946 und 1990 der weltweit viertgrößte Produzent von Uran. Mindestens 20.000 Bergleute erkrankten an Silikose oder Lungenkrebs, Wasser und Boden wurden großflächig belastet. Seit dem Ende der Wismut werden Milliardenbeträge für die Sanierung der Standorte ausgegeben.

Einen künstlerischen Umgang mit dem Erbe der Wismut sucht Grit Ruhland, ein Mitglied der Nuclear Culture Research Group. In ihrer Doktorarbeit an der Bauhaus-Universität Weimar beschäftigt sich die Thüringer Künstlerin speziell mit dem Wandel der Landschaft um Gera und Ronneburg durch den Uranbergbau.

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DDR-Geldschein mit Schaltwarte des KKW Rheinsberg. (Abbildung: Bundesbank-Bildarchiv/​Wikimedia Commons)

 

West-Ost-Blick auf Ost-West-Kontakte

Zum Ende der Veranstaltung entspann sich eine rege Diskussion vor allem über die Thesen von Astrid Kirchhof. „Der größte Feind des Historikers ist der Zeitzeuge“, lautet ein geflügeltes Wort unter Historikern, und das war auch auf der Tagung zu beobachten. Die These, dass die Grenze für Umweltfragen porös gewesen sei, wurde von einigen der rund 50 Teilnehmenden kritisiert. Zwar beschrieben verschiedene Beteiligte, dass es Kontakte zwischen den Umweltgruppen gegeben habe, aber wenn, dann nur von West nach Ost und auch sehr begrenzt.

Die lebhafte Diskussion zeigte, dass Geschichte nicht objektiv sein kann – sie hat verschiedene Perspektiven. Gerade das macht den Unterschied aus zwischen Geschichtsschreibung und Aufarbeitung der Konflikte. Im ehemaligen Kernkraftwerk Rheinsberg gibt es beispielsweise eine Ausstellung, die sich mit der Geschichte, insbesondere der Technik, des Kraftwerkes am Stechlinsee befasst. Auf den Protest der kirchlichen Umweltgruppe im benachbarten Menz wird dort kaum eingegangen. Die Notwendigkeit, die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, wird also immer wieder offensichtlich. Diese Perspektiven sind auch immer mit der Identität der Beteiligten verknüpft – wer Jahre und Jahrzehnte zu einem Thema arbeitet, kann die eigene Geschichte nicht nur rational betrachten.

Netzwerk Nukleares Gedächtnis

Der Aufarbeitung stellt sich auch das Netzwerk Nukleares Gedächtnis (NeNuG), das die Tagung mitorganisierte. Interessierte aus Wissenschaft und Anti-Atom-Bewegung gründeten das Netzwerk im Jahr 2017, um den jahrzehntelangen Atomkonflikt zu dokumentieren und – wo möglich – aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Die Leistung der Tagung war es im Wesentlichen, daran zu erinnern, dass es auch in der DDR Kritik an der Kernenergie und sogar Protest gab. Natürlich war die Bewegung in der DDR nicht vergleichbar mit der großen Anti-Atom-Bewegung Westdeutschlands. Sie sollte in der Geschichtsschreibung und der Aufarbeitung aber auch nicht vergessen werden.

Organisiert wurde die Tagung von der Grünen Liga gemeinsam mit dem NeNuG und dem Forschungszentrum für Umweltpolitik (FFU) der FU Berlin, finanziert wurde sie durch die Heinrich-Böll-Stiftung. Positiv werteten Beteiligte vor allem die Mischung aus Zeitzeugen, Aktivistinnen, Künstlerinnen und Wissenschaftlern. Es wurde nicht nur akademisch doziert, sondern auch Ästhetik und leidenschaftliche Diskussion hatten einen Platz.

Daniel Häfner

Weitere Informationen:
www.grueneliga.de/atomtagung
www.bi-luechow-dannenberg.de
www.grit-ruhland.de
www.nenug.de

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