Geier spielt Monopoly mit Abraumhalde

EU-Entscheidung trifft auf Kritik von Betroffenen und Umweltschützer*innen

Osterzgebirge, 12.10.2026. Das kam dann doch recht unerwartet: Am Freitag, 9. Oktober 2026 veröffentlichte die EU-Kommission ihre längst überfällige Entscheidung, welchen Bergbauvorhaben sie den begehrten Status "strategisches Projekt" (gemäß Critical Raw Materials Act) zuerkennt. Zwischen September 2025 und Januar 2026 lief die zweite Bewerbungsphase. Nachdem Zinnwald Lithium Plc/GmbH in der ersten Runde 2024/25 durchgefallen war, taucht das Unternehmen nun in der EU-Liste mit auf – und das, obwohl es die Firma Zinnwald Lithium in der Öffentlichkeit faktisch nicht mehr gibt.

Das Unternehmen hatte sein Bergbauvorhaben im Osterzgebirge immer weiter aufgebläht – von geplanten 0,5 Millionen Tonnen jährlicher Erzförderung vor wenigen Jahren auf zum Schluss 3,5 Millionen Tonnen pro Jahr.

„Für so viel Größenwahn würden weder genügend Wasser noch Energie in der Region zur Verfügung stehen und schon gar nicht würde das die Stabilität des von Altbergbau durchlöcherten Untergrunds unter Zinnwald aushalten.", sagt Kristine Hennig von der Interessengemeinschaft Zinnwald.

Christian Lehnert von der Bürgerinitiative Liebenau fügt hinzu: „Die riesige Abraumhalde mit fein gemahlenem Gesteinsstaub sowie die Lithium-Chemiefabrik im Quellgebiet von Trebnitz und Seidewitz hätten unsere Gesundheit und unersetzliche Naturräume ruiniert.“

Bei einer formellen Bürgerbefragung durch den Ortschaftsrat sprachen sich bereits im April 2024 die Liebenauer*innen nahezu geschlossen gegen das Vorhaben aus. Bei einer Beteiligung von 268 der 323 abstimmungsberechtigten Bürger*innen stimmten lediglich 5 dafür.

Seither hatten das intransparente und auch fachlich wenig wirkende Agieren von Zinnwald Lithium das allgemeine Misstrauen noch gesteigert – und zwar nicht nur bei den Bewohner*innen der Region, sondern offenbar auch bei den potentiellen Investor*innen. Zum Schluss ging dem Unternehmen, das öffentlich von einer Milliardeninvestition sprach, vermutlich schlicht das Geld aus. „Net assets of Zinnwald acquired by the Company on the acquisition date was approximately $44,000, mostly comprised of intangible assets.“ (AMG Interims-Finanzbericht 2026).

Der vorherige 29-%-Anteilseigner, ein Konzern namens AMG (Advanced Metallurgical Group) sprang im Frühjahr ein und übernahm die inzwischen ziemlich wertlosen Restaktien von Zinnwald Lithium. Ende Juli 2026 hörte Zinnwald Lithium de facto auf zu existieren, auch wenn die Firma weiterhin im britischen Unternehmensregister gelistet ist. (Die bisherige Webseite zinnwaldlithium.com wird schon automatisch auf amglithium.com weitergeleitet.)

Europäische Versorgungssicherheit – oder internationaler Rohstoffhandel?

Was AMG jetzt mit dem übernommenen Projekt vorhat, ist bisher noch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen – außer, dass die (von Zinnwald Lithium eigentlich für das vierte Quartal 2025 in Aussicht gestellte) Machbarkeitsstudie nochmal bis zu zwei Jahre auf sich warten lassen wird (DIE ZEIT vom 07.06.2026).

Das Management hat auch noch keinerlei Kontakt zu Betroffenen und Bürger*innen der Region gesucht. Wie auch? Das Unternehmen hat den Sitz seiner Hauptverwaltung in den USA. AMG strebt zudem Geschäfte mit chinesischen Partner*innen an. Vor einem Jahr unterzeichnete AMG Lithium einen Vorvertrag mit einer chinesischen Firma. Stefan Scherer, der Geschäftsführer von AMG Lithium, äußerte gegenüber der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (vom 22. bis 28.05.2026), chinesische Partner*innen beim Lithium „mit ins Boot zu holen“, sei „schon fast zwingend nötig“. Weiter sagte er: „Ich würde das auch tun, solange es noch geht.“

Jens Weber vom Umweltverband GRÜNE LIGA Osterzgebirge bemerkt dazu: „Kaum zu fassen, dass die EU-Kommission glaubt, ein amerikanisches Unternehmen würde durch chinesische Unterstützung die europäische Versorgungssicherheit mit strategischen Rohstoffen gewährleisten. Es liegt auf der Hand: Hier geht es um pure Profitgier – auf Kosten einer der ökologisch wertvollsten Landschaften. Auf dem Spiel stehen nicht nur artenreiche Moore, Wälder, Wiesen und Gebirgsbäche, sondern auch die Trinkwasserversorgung von hunderttausenden Menschen.“

Strategischer Status ohne industrielle Realitätstauglichkeit

Das Zinnwalder Gestein enthält im Durchschnitt nur etwa 0,2 Prozent Lithium. In anderen Lagerstätten, zum Beispiel beim Weltmarktführer Australien, liegen die Konzentrationen beim Zehn- bis Zwanzigfachen. Das dortige Mineral Spodumen ist außerdem chemisch weit weniger komplex als Zinnwaldit – und damit auch der technische Aufschluss weniger herausfordernd. Bisher ist Lithiumgewinnung aus Zinnwaldit noch nicht über den Labormaßstab hinausgekommen. Eine industrielle Anlage gibt es dafür noch nirgendwo auf der Welt.

„Immer wieder wird der technologische Durchbruch versprochen. Tatsächlich fehlt weiterhin der industrielle Nachweis, dass sich aus dem komplexen Zinnwaldit bei einem derart niedrigen Lithiumgehalt wirtschaftlich Lithiumhydroxid herstellen lässt“, so Elke Helbig von der Bürgerinitiative Bärenstein.

Vermutlich hat AMG selbst noch keine konkreten Vorstellungen, wie es weitergehen soll. „Aus Sicht von AMG-Lithium-Chef Scherer brauche es zunächst den Nachweis, dass ein Abbau des Lithiums in der Region wirtschaftlich möglich sei.“ (MZ vom 07.06.2026) Angesichts dieser Gemengelage ist es völlig unverständlich, wieso die EU-Kommission im fernen Brüssel hier ein beschleunigtes Genehmigungsverfahren – 27 Monate laut Critical Raw Materials Act - ermöglicht.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Bürgerinitiativen

Jenseits der Grenze stößt der tschechisch-australische Konkurrent Geomet s.r.o. ebenfalls auf vehementen Widerstand.

Kamila Vitek Derynkova vom Verein CINVALD z.s.: „Dem tschechischen Projekt an derselben Lagerstätte wurde schon im Jahr 2025 der Status eines strategischen Projekts zuerkannt. Bergbauunternehmen nutzen diesen Status leider dazu, die vermeintliche Notwendigkeit des Bergbauprojekts und die EU-Förderung dafür zu begründen.“

Dabei steht auch das Geomet-Projekt noch vor vielen ungelösten Problemen. So lässt das seit 11. August 2026 überfällige Gutachten des tschechischen Umweltministeriums zur Umweltverträglichkeitsprüfung noch immer auf sich warten. Bei den aktuellen Kommunalwahlen haben die lokalen Kritiker*innen des Geomet-Vorhabens mit der Liste „Pro Dubí“ drei Viertel der Sitze im Gemeinderat von Dubí erobert.

Die Bürgerinitiativen und Umweltvereine des Osterzgebirges werden sich auf alle Fälle weiterhin gemeinsam gegen profitgetriebene Großzerstörungen ihrer Heimat zur Wehr setzen – wie bisher mit gründlicher Faktenanalyse und notfalls auch juristisch.

Jens Weber

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